Das Mittel gegen Corona? Daten

Zwischenruf Corona
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Gegen Corona gibt es bisher kein Mittel. Das verlangt uns massive Einschnitte ab. Es existiert jedoch ein Mittel dagegen, dass unsere Reaktionen auf das Virus langfristig mehr schaden als die Seuche selbst: eine fundierte Strategie, die auf einem kompetenten Umgang mit den Daten und Fakten fußt. Aus der Warte dessen, der sich seit vielen Jahren täglich mit Datenanalysen zu menschlichem Verhalten in Märkten ebenso beschäftigt wie mit Kommunikation, macht mir große Sorgen, was ich derzeit wahrnehme: Entscheidungen enormer Tragweite werden auf einer Datenbasis wie aus den 1980er Jahren getroffen. Die Modelle hinter schicksalhaften Weichenstellungen bleiben unklar. Die öffentlichen Begründungen vieler Entscheider zeugen mehr von einer Aufschaukelung zwischen Politik, Medien und öffentlicher Beunruhigung, als von einem seriösen Umgang mit dem, was wir wirklich wissen (könnten).

Es hängt zu viel davon ab, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, als dass wir es uns leisten könnten, inkonsequente Schlüsse auf offenkundig fehlerhaften Grundlagen zu ziehen, befeuert von Angst und Aufschaukelung. In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, warum die Corona-Krise dringend ein besseres Verständnis für Daten und Statistik braucht und mehr Besonnenheit statt Echokammer. In Politik, Medien und bei uns Allen.


Gefühlte Realitäten retten keine Leben. Korrekte Statistik schon.


Es gibt bisher sehr viele engagierte Meinungen, spannende Perspektiven und alarmierende Statistiken zum Thema. Doch ist es aus meiner Sicht bisher nur in einem Fall gelungen, tatsächlich die Daten und Erkenntnisse aus den verschiedenen Quellen zu sammeln, fundiert zu verdichten – und daraus eine schlüssige Erzählung und konkrete Empfehlungen abzuleiten, die wieder mit Daten unterfüttert werden. Dass die beste Diskussion der Lage mit den schlüssigsten strategischen Ableitungen das Werk engagierter Bürger und Unternehmer ist, nicht Produkt eines Ministeriums oder Leitmediums, verdeutlicht ein großes Risiko jenseits des Virus selbst.

Lassen Sie es mich ganz offen sagen: Ich habe Angst. Und zwar weniger vor der Seuche selbst, als vor den Reaktionen, die wir darauf derzeit in Politik und Medien sehen. Als Unternehmen, das sein Geschäft auf die Analyse großer Datenmengen und darauf basierende Strategien gegründet hat, sehen wir derzeit täglich, wie bei Entscheidungen von extremer Tragweite erschreckend schlechte Statistik betrieben wird.

1) Es wird eine falsche Datenbasis angesetzt: Strengere Maßnahmen werden damit begründet, dass die Zahl der Infektionen ja gestern schon wieder gestiegen sei. Dabei sind die heute gemeldeten Infektionen das Ergebnis einer Ansteckung vor 1-2 Wochen… als praktisch noch keine Einschränkungen existierten, geschweige denn ein Lockdown. Noch gewichtiger: die Zahlen gemeldeter Infektionen werden laufend berichtet und weltweit verglichen, ohne Angaben dazu, wie viele Menschen im jeweiligen Land und Zeitraum getestet wurden. Damit sollte aber eigentlich völlig klar sein, dass wir sie nicht zwischen verschiedenen Nationen vergleichen können und auch hierzulande mit Hochrechnungen extrem vorsichtig sein müssen, weil wir die Stichprobe gar nicht kennen (Es ist jedem Statistiker völlig klar, dass mit mehr Tests und mehr öffentlicher Aufmerksamkeit für die Symptome auch die Zahl der entdeckten Fälle zunächst einen Sprung macht – ein Effekt, den man jedoch beziffern kann und folglich und herausrechen müsste! Vielen Dank an Christian Bachem von Markendienst für diesen wichtigen Hinweis).

2) Überproportionale Effekte werden nicht konsequent berücksichtigt: Viren verbreiten sich exponentiell. Das bedeutet hier: doppelt so viele Menschen = fünfmal so hohes Ansteckungsrisiko. Was uns in die Misere geritten hat, war der Karneval in NRW und Süddeutschland, die größten weiteren Verbreiter waren wohl Fußballspiele, Rockkonzerte und dergleichen. Zwar wurden solche Veranstaltungen (wenn auch zu zögerlich) verboten, doch gelernt daraus hat man nicht: das inhabergeführte Schuhgeschäft muss schließen, der riesige Baumarkt bleibt geöffnet. Der Besuch bei Freunden ist strafbar, während Züge und S-Bahnen weiterfahren – nicht desinfiziert, dafür mit verringerter Taktung und ohne Kapazitätsmanagement (also der Limitierung der Fahrgäste pro Wagen), so dass die verbleibenden Fahrgäste in Innenstädten eher dichter aneinander stehen als ovorher.

3) Schadensmodelle werden wider besseres Wissen symmetrisch berechnet: Zwar ist es längst Binsenweisheit, dass alte Menschen oft lebensbedrohlich an CoViD19 erkranken, während Kinder oft gar keine (und praktisch nie ernste) Symptome entfalten. Doch das Social Distancing setzt bei allen Menschen gleich an. Ja, mehr noch: bei Alten unterproportional! Während Schulen und Kindergärten längst geschlossen sind und größere Business Meetings, Konferenzen etc. verboten werden, gibt es bisher keinerlei konzertierte Versuche, Senioren (also die tatsächliche Risikogruppe, deren überproportionale Betroffenheit in Italien zu Horror-Szenen führt) in Schutz zu nehmen: keine weiträumigere Verteilung der Bewohner von Alters- und Pflegeheimen in provisorische Unterkünfte, in denen sie mehr Abstand zu einander haben. Keine staatlichen Programme, spezifisch für diese Bevölkerungsgruppe Lieferdienste etc. kurzfristig hochzufahren, damit sie zu Hause bleiben können (während für ihre Kinder längst Home Office angeordnet wurde). Keine Vorschriften zu getrennten Sprechzeiten für alte Menschen bei Ärzten oder (wie in Tschechien) Sonderöffnungszeiten lebensnotwendiger Geschäfte nur für Alte.

4) Die Möglichkeiten von Big Data werden ignoriert: Südkorea hat den Ausbruch schnell und mit geringen Einschränkungen für Wirtschaft und Bürger in den Griff bekommen – durch großräumiges Testen und sehr kleinräumige Maßnahmen. Basis: die feingliedrige Analyse von Handy-Bewegungsmustern, die digitalen Vernetzung der Daten aus Testgeräten sowie die Analyse von Online-Suchverhalten und Social Media Aktivität. So erhielten Entscheider und Bürger Transparenz in Echtzeit und bis auf wenige Meter Genauigkeit, wo mit welcher Wahrscheinlichkeit das Infektionsrisiko wie hoch ist, wie sich die Krankheit verbreitet und wer sich testen lassen sollte.
Hierzulande wird allen Ernstes mit meist mindestens einen halben Tag alten Meldedaten von Ärzten und Krankenhäusern gearbeitet. Es gilt schon als Top-Meldung, wenn die Gesamtmobilität der Bevölkerung anhand von Telekom-Daten im Aggregat untersucht wird – eine absolut nutzlose Metrik, die keinerlei sinnvolle Rückschlüsse hinterlässt (dass das Mobilitätsniveau der Bevölkerung am Samstag um X% absinkt, sagt nichts über die Einhaltung der empfohlenen Maßnahmen aus, ohne ein genaues Modell, das auf kleinteiliger Ortsebene zeigt, wie viel dieser Bewegung auf “erlaubte” Tätigkeiten wie Einkäufe, Spaziergänge mit dem Lebenspartner etc. zurückgeht und Nullmessungen, die zeigen, wie der Wert an einem “normalen” Tag mit ähnlich gutem Wetter ausgefallen wäre).
Wir sind heute in der Lage, allein durch Änderungen im Online-Suchverhalten Geburtenraten vorherzusagen und durch die Bewegungsmuster von App-Nutzern die besten Verkehrsrouten für Millionen Verkehrsteilnehmer zu ermitteln – doch bei der “größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg” verlassen sich unsere Regierenden auf eine Datenbasis wie aus den 1980er Jahren und beschließen Maßnahmen undifferenziert auf Ebene ganzer Bundesländer oder gleich der Republik


Wir haben es hier nicht mit einem Seminar an der Uni zu tun, bei dem solche Anfängerfehler in Datenerhebung, -modellierung und -interpretation lediglich zu genervten Dozenten und schlechten Noten führen. Hier sterben Menschen und andere verlieren ihr wirtschaftliches Lebenswerk, wenn Schlüsse auf falschen Prämissen fußen. Impfstoff hin oder her: Das erste Mittel gegen Corona, ja gegen jede Pandemie, sind Daten und ihre korrekte Umwandlung in Erkenntnis.


Politik und Medien: eine potenziell tödliche Feedback-Schleife


Mitunter könnte man meinen, die Entscheider und deren Stäbe wüssten es nicht besser. Wäre das so, wäre das nicht nur ein Armutszeugnis, sondern auch ein Skandal, der einen fundamentalen Umbruch im System provozierte. Doch ist es ebenso arrogant wie verblendet, die Informierheit und Kompetenz von Ministern, deren Referenten und Beratern pauschal in Frage zu stellen.

Das Problem liegt an anderer Stelle: Treibende Kraft sind nämlich nicht primär Fakten, Daten oder belastbare Modelle und Prognosen. Im Vordergrund stehen vielmehr gefühlte Wahrheiten, sozialer Zugzwang und die Unfähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen – eine Echokammer aus Politik und Medien, in der sich Meinungen, Anekdoten und Erwartungsdruck aufschaukeln:

A) Vorliebe für Sensationen: Je spektakulärere und drakonischere Maßnahmen in anderen Ländern verhängt werden, desto faszinierter stürzen sich Medien darauf und spekulieren – völlig unabhängig von der oft anderen Faktenlage vor Ort und ohne, dass auch nur erste Daten zur Wirksamkeit vorlägen –, wann sie auch hierzulande verhängt werden… und wieso sie nicht schon längst gelten. Sollten uns etwa die Franzosen etwas voraus haben? Durch solche meist faktenferne “Horse Race” Berichterstattung wird der ohnehin schon enorme Erwartungs- und Handlungsdruck für die Politik ohne Not und ohne neue Faktenbasis dramatisch erhöht, denn keiner möchte sich vorwerfen lassen, er habe nicht genug gehandelt, wenn zugleich die Ängste in der Bevölkerung permanent mit Verve gefüttert werden.

B) Vorliebe für Anekdoten (und Fake News): Das Mem von marodierenden Jugendlichen, die in Horden Corona-Parties feiern, dient nicht nur seit Tagen als Schlagzeilenfutter, sondern hat es auch längst in die Reden führender Politiker und Wissenschaftler geschafft, von den Empörungswellen aufrechter Bürger gar nicht zu sprechen. Die meisten Berichte darüber sind in Polizeimeldungen und Statisiken jedoch nicht auffindbar, werden von den zuständigen Ordnungsämtern nicht bestätigt oder sogar aktiv dementiert. Die wenigen dokumentierten Fälle stammen entweder aus einer Zeit vor den ersten Lockdown-Maßnahmen, oder sind Einzelfälle, bei gründlicher Betrachtung nicht mehr als 8 betrunkene Jugendliche vor einem Döner-Imbiss. Das Fact-Checking solcher amoklaufenden Anekdoten übernimmt aber in der allgemeinen Hektik niemand (außer ausgerechnet Augsteins leicht verzweifeltes Wohlfühl-Format bento).

C) Selbsterfüllende Prophezeiungen: Während zumindest manche Medien eine gewisse Basiskompetenz im Umgang mit Suiziden entwickelt haben, werden alle psychologischen Regeln gebrochen bei der geradezu lustvoll-aufbauschenden Berichterstattung über Hamsterkäufe und drohende Klopapier-Knappheit. Auch hier werden spektakuläre Einzelfälle zum landesweiten Trend stilisiert – nur dass sie in diesem Fall genau diesen Trend erst schaffen: wer in renommierten Medien liest, dass durch Prepper-Panik der Hintern dreckig bleiben muss, rennt selbstverständlich in den nächsten Supermarkt, um das vermeintlich letzte Päckchen zu ergattern (und sprechen wir gar nicht erst von vollends verantwortungslosen Berichten über Amerikaner, die nun Waffen horten). Anstatt diesem Unsinn den Riegel vorzuschieben mit klaren Fakten und Committments, am Besten Seit an Seit mit Handelsverbänden, schickt Berlin Deutschlands “beliebteste” Ministerin vor, um ohne Berufung auf irgendwelche Fakten zu versichern, es gäbe keinen Grund zur Panik, und im gleichen Atemzug darüber nachzudenken, ob man nicht Arbeitslose als Erntehelfer einsetzen müsse, um die Volksernährung sicherzustellen.

D) Stream-Manie: Die Echtzeit-Fokussierung in der Berichterstattung auf das Neueste, Furchteinflößendste, Spektakulärste führt dazu, dass jeder Blick, jeder Plan, jede Geschichte, die über die nächsten Stunden hinaus geht, sofort wieder aus dem Fokus gerät. Obwohl sich der Stand an gesicherten, entscheidungsrelevanten Fakten in der Regel seit den letzten 30 Tickermeldungen nicht geändert hat, verstärkt der Apokalypse-Stream in den Medien massiv die Tendenz ihrer Nutzer, Panikkäufe zu machen, notwendige Investitionen zurückzuhalten und zahlreiche andere Dummheiten zu begehen, denen nur anheim fällt, wer stets mit dem nächsten Damoklesschwert rechnet.


Drei Phänomene greifen hier auf eine extrem kritische, virulente Art ineinander:

Einerseits orientieren sich Politiker an der öffentlichen Meinung, da sie so meinen, ein Bild des Wählerwillens und der Stimmung in der Bevölkerung zu erhalten. Es ist eine Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion, weil ein Mandatsträger schlechterdings nicht ständig mit allen Wählern sprechen kann und sich obendrein an das halten muss, was mehrheitsfähig ist, worauf sich also Viele einigen können. Zudem orientieren sich Politiker an anderen Politikern, umso mehr innerhalb der EU (die wiederum hoch sensibel auf die Medien reagieren). Diese Orientierung aneinander ist umso stärker, je unsicherer die Situation ist – Ko-Orientierung ist ein menschliches Grundbedürfnis, um insbesondere in unklarer Lage den Schutz in der Herde zu suchen.

Andererseits orientieren sich Medien an Nachrichtenwerten, und das bereits lange vor der Click-baiting gesteuerten Aufmerksamkeitsschlacht im Netz: Je mehr etwas die Aufmerksamkeit der Leser fesselt, desto eher wird es berichtet. Die Aufmerksamkeit fesselt, was “Breaking news”, spektakulär, unerhört, furchteinflößend und hoch dynamisch ist. Wiedergegeben wird also hier weniger, was die Menschen denken oder was sie wissen wollen, als vielmehr ein Panoptikum ihrer Ängste, Hoffnungen und Obsessionen. Was bereits unrühmlicher Weise für den Journalismus gilt, gilt für Social Media noch um ein Vielfaches mehr.

Drittens waren Menschen noch nie gut darin, Unsicherheit auszuhalten. Doch hatten wir lange Zeit keine Alternative, weil Informationen rar waren. Unsere Gehirne reagieren auf Informationsangebote, die uns bei unserer Entscheidungsfindung helfen könnten, wie Junkies auf Stoff. Und wie bei diesen muss die Dosis immer weiter erhöht werden, je mehr man konsumiert. Der digitale Journalismus und die sozialen Medien haben die Informationszyklen derart zu Echtzeit-Streams verkürzt, dass wir schneller denn je Entzugserscheinungen bekommen, wenn wir in einer unsicheren Lage tatsächlich einige Minuten ohne definitive Information bleiben. Wo aber verlässliche Informationen nicht verfügbar sind, nehmen wir im Zweifel auch Gestrecktes, Verschnittenes, Surrogate.

In normalen Zeiten ist dies nicht mehr als ein ebenso bedauerlicher wie lästiger Effekt ökonomischer Notwendigkeiten und sozialer Realitäten (Medien müssen sich verkaufen, das tut man nicht mit Zahlen/Daten/Fakten; Politik muss Komplexität reduzieren und kann nicht mit allen Bürgern sprechen, schaut daher auf Umfragen, Schlagzeilen und Social Media Feeds; wir sind von unseren Smartphones inzwischen so abhängig wie ältere Semester vom heute-nicht-mehr-schicken Kettenrauchen). In Krisenzeiten können diese Echokammer-Phänomene jedoch buchstäblich den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, ebenso jenen zwischen einem glimpflichen wirtschaftlichen Ausgang und der Mutter aller Krisen.


Um es ganz klar zu sagen: Das Problem sind nicht die Fake News. Das Problem ist der Sensationalismus, die Unreflektiertheit und der oft unkritische Umgang mit vermeintlichen Fakten und Statistiken in den “Real News”. Denn diese haben eine tausendfach höhere Schadenswirkung, weil sie mehr Reichweite erzielen und vor allem wesentlich mehr Glaubwürdigkeit entfalten. Zumindest in der Politik.


Wir brauchen eine Schlagzeilen-Quarantäne


Es mangelt in der Corona-Krise weder an Geld noch an Gehirnzellen. Es mangelt an Besonnenheit: Angesichts dessen, dass derzeit keine Wahlen anstehen, wäre eine wirklich sinnvolle Social Distancing Maßnahme für politische Entscheidungsträger, die nächsten Wochen ihren Medienkonsum massiv herunterzufahren. Bis klar ist, wie weit die bisher getroffenen Maßnahmen wirken, gibt es ohnehin nichts Neues zu sagen. Auch, wenn das unvorstellbar ist für eine Gesellschaft, die Stille ebenso verlernt hat wie Geduld: diesen Versuch-und-Irrtum-Prozess kann man weder abkürzen noch überspringen.

In selbstgewählter Schlagzeilen- und Talkshow-Quarantäne (mit einem mindestmaß an “Hygienekommunikation”) könnten sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen: mit ihren Experten, den in Hülle und Fülle vorhandenen Daten und der zunehmenden Menge exzellenter wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema so lange die Köpfe rauchen zu lassen und zu diskutieren, bis eine fundierte, in sich schlüssige Strategie steht. Es ist eine absolute Notwendigkeit, eine solche übergreifende Strategie in den nächsten Tagen in einem klaren und großen Wurf und in schonungsloser Ehrlichkeit zu kommunizieren. Nur das – nicht blinder Aktionismus, nicht die Salamitaktik voneinander losgelöster Einzelmaßnahmen, nicht Beruhigungskommunikation ohne eine konkrete Vision – kann tatsächlich dafür sorgen, über längere Zeit das Vertrauen in das System aufrechtzuerhalten und damit einen Verfall der Zivilisation zu vermeiden. Führungsstärke liegt in Weitsicht und der Fähigkeit, die großen Linien zu vermitteln. Darin können Politiker mit Substanz ihre Überlegenheit gegenüber Populisten und Selbstdarstellern demonstrieren – es trennt sich die Spreu vom Weizen, vorausgesetzt, der Weizen bekommt mal eine Pause vom Hysteriekarussell.

Dieweil läge ein wirklich verantwortungsvolles Handeln des in den letzten Jahren arg und oft zu Unrecht in Verruf gekommenen Journalismus darin, sich auf seine – selbst oft gerne angerufene – Funktion als systemrelevante “vierte Gewalt” zu besinnen und ihr gerecht zu werden, statt in gnademlosen Opportunismus Klicks und Quoten zu jagen. Das bedeutet das, was Medienleuten am Schwersten fällt: einfach mal nichts sagen. Wenn es keine neuen, wirklich aussagekräftigen und gesichert repräsentativen Fakten gibt, auf die Story verzichten. Wenigstens für die Dauer der Krise einfach mal damit aufhören, die Schlagzeilen mit Einzelmeinungen zu füllen, die bizarrsten und empörendsten Handlungen kleinster Minderheiten zu gesellschaftlichen Trends aufzublasen, ohne jede fundierte Basis über die schlimmsten Ausgänge zu spekulieren und unreflektiert Statistiken wiederzukäuen, die man selbst weder erstellt noch durchdrungen hat. Als jemand, dessen erste berufliche Schritte bei einer Zeitung begannen, weiß ich, wie schwer das fällt, aber wenn wir alle Opfer bringen müssen, ist dieses wirklich nicht zu viel erwartet. Und vielleicht lernen wir damit ja wieder, Qualitätsjournalismus zu schätzen und auch zu finanzieren – dort, wo es ihn noch gibt.

Und wir Alle? Sollten uns daran erinnern, dass Medienunternehmen auch nur Unternehmen sind, die etwas verkaufen wollen, und Politiker auch nur Menschen, die unter extremem Druck nicht nur Kluges tun. Lesen wir nicht Alles, was geschrieben wird, glauben wir nicht Alles, was wir lesen und vertrauen wir darauf, dass die Welt so schnell nicht untergeht und wir auch heute noch investieren, auch morgen noch einkaufen können. Lassen wir unsere Ängste da, wo sie hingehören und steuern nach dem, was wir mit eigenen Augen sehen und was einer seriösen Überprüfung standhält, nicht nach Gerüchten und hoch spekulativen Szenarien. Das bedeutet mitnichten, die Seuche nicht ernstzunehmen. Es bedeutet hingegen, ihr nicht die Kontrolle über unser Denken und Fühlen zu überlassen – sich nicht von ihr die Logik aufzwingen zu lassen, sondern zu beweisen, dass unsere Lebensweise auch einer solchen Belastung standhalten kann. Mit schwierigen Kompromissen und Abstrichen, doch ohne Selbstaufgabe.


Infizieren wir uns nicht doppelt


Früher oder später ist eine Durchseuchung mit Corona wahrscheinlich – auch wenn es uns hoffentlich gelingt, Todesfälle durch überlastete Krankenhäuser zu vermeiden, werden wir mit dem Virus leben müssen.

Womit wir nicht leben müssen, ist die derzeitige Kopflosigkeit: Mindestens ebenso schnell und viral wie Corona infizieren Sensationalismus, Aktionismus und Panik unsere Gesellschaft – und drohen dort größeren Schaden anzurichten als die Seuche selbst. Das Heilmittel kann nur darin liegen, sich auf die tatsächlichen Daten und Fakten zu besinnen und endlich wieder in fundierten Zusammenhängen zu denken.

Wir müssen eine Diskussion führen über Strategien, Modelle, Prognosen. Nur so bleibt das Vertrauen in das System und dessen Lebensfähigkeit erhalten. Besonnenes Einkaufsverhalten, fortgesetzte Investitionen, die Einhaltung unbequemer Maßnahmen – all das legt nur an den Tag, wer die größere Geschichte, das Ziel und den Weg dahin verstanden hat und der Führungsmannschaft vertraut, ein Rezept über den Tag hinaus zu haben. Dieses Vertrauen verdient man sich nicht, indem man wie das Kaninchen vor der Schlange auf die BILD-Schlagzeile schaut (oder ihr als Vermarkter wolllüstig hinterherjagt), und auch nicht, in dem man erzittert vor den Infektionszahlen des heutigen Tages, die sich nicht mehr ändern lassen. Man verdient es, indem man sein Forschungsdesign gut strukturiert, die richtigen Daten erhebt, darauf wartet, dass diese Antworten liefern, um auf dieser Basis ein Gesamtkonzept zu erarbeiten.

Leben rettet man nicht mit Hitzköpfigkeit und guter Absicht, sondern mit Einsicht und System. Gelingt es uns, das zu verstehen und in Politik, Medien und Gesellschaft umzusetzen, haben wir etwas gelernt, das weit über Corona hinaus geht.

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2 Replies to “Das Mittel gegen Corona? Daten”

  • Der Bericht spricht mir aus der tiefsten Sehle. Ich bin entsetzt über das Verhalten und den Umgang mit dieser Situation auf der gesamten Welt und als deutscher spezielle in unserem Land. Ich denke Sie sprechen das aus, was viele Menschen denken, sich aber aus Angst vor einem Shitstorm nicht aus der Deckung trauen. Vielen Dank für ihren Bericht.

  • Es ist der erste Artikel zu diesem Wahnsinn, den ich lesen durfte, der mir aus der Seele spricht und meine Gedanken und Gefühle mit Fakten untermauert und erklärt. Ich weiß nicht, wie ich dem Verfasser danken soll als nur immer zu murmeln: endlich und danke!

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